Franziska Tensing, M.A.

Franziska Tensing

Universität Regensburg, Institut fur Germanistik, Neuere deutsche Literaturwissenschaft

Arbeitstitel: Jüdische Figurationen einer körperlichen Literatur
Deformierte Leiblichkeit als Zeichen jüdischer Identitätskrisen
in der Prager deutschjüdischen Literatur der Zwischenkriegszeit

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, wo geistige Phänomene wie Identitätskrisen, Erkenntniszweifel, das Zusammenbrechen metaphysischer Gewissheiten und Schockerfahrungen durch Krieg und Zerstörung situiert werden, lässt sich sowohl in literarischen wie theoretischen Texten eine starke Thematisierung von Körperlichkeit und Kreatürlichkeit beobachten. Die Prager deutschjüdische Literatur der Zwischenkriegszeit, der neben dem Werk Franz Kafkas auch das Hermann Ungars, Ludwig Winders und Ernst Weiß´ angehören, weist dabei eine auffällige Präsenz von provokativen Figurationen des deformierten, hässlichen und defizienten Körpers auf.

Der Körper wird als Träger sozialer Einschreibungsprozesse zur zentralen Metapher einer jüdischen Identität zwischen Leidenserfahrung durch Isolation und Antisemitismus, innerpersonellem Selbsthass und erstarkendem Selbstbewusstsein. Die monströsen Korperbilder verbinden sich dabei als Spiegel des zerrütteten Subjekts mit Motivkomplexen der abnormen, dämonisierten Sexualität, der Schuld, der Gewalt und der Scham, ohne dass das verunsicherte Ich eine harmonische Körper-Seele-Einheit wiederherstellen kann. 

Über kulturhistorische Einordnungen hinausgehend, die Prags Spezifikum als spannungsgeladene multikulturelle Metropole betonen, strebt mein Dissertationsprojekt nach einer ästhetischen Analyse dieser Beobachtung mit Hilfe bekannter Körper-, Sexualitäts- und Schamtheorien sowie aktueller Forschungsansätze zu Körperdiskursen in der Literatur unter dem Leitbegriff der Kreatürlichkeit. Zu untersuchen gilt die These, dass der Grund für diesen negativen Blick auf den Körper bzw. diese Körperfeindlichkeit als kollektives Phänomen der deutschjüdischen Literatur Prags in der Auseinandersetzung mit der Tradition der jüdischen Glaubenslehre sowie den spezifisch jüdischen Krisenerfahrungen der Moderne zu suchen ist. In der Metaphorik des Körpers finden jüdische Literaten eine traditionell bereitstehende Bildsprache vor, in der sie die Erfahrung des "Andersseins" sowie die scheiternden Versuche der Identitätsrekonstruktion gestalten können. Die Einflüsse auf diesen Prozess muss man sich dabei vielfältig, widersprüchlich und synkretistisch vorstellen: christliche, jüdisch-orthodoxe, jüdisch-aufgeklärte, mystische und agnostische Elemente, und sogar verinnerlicht antisemitische bilden ein Bewusstseins- und Motivreservoir der unsystematischen und eigendynamischen Art. Anhand zahlreicher literarischer Beispiele möchte mein Forschungsprojekt die Akkumulation von sexuell konnotierten Körperdeformationen und jüdischer Identitätskrise aufzeigen.