Haimo Stiemer, M.A.

Haimo Stiemer
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Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Erstbetreuer: Ralf Grüttemeier

Prager Kreise:
Eine feldtheoretische Revision der pragerdeutschen Literatur – 1900/1925

Das Promotionsprojekt zielt auf die feldtheoretische Revision der pragerdeutschen Literatur zwischen den Jahren 1900 und 1925 und untersucht damit den Zeitraum, in welchem der deutschsprachigen Literatur dieser polykulturellen Stadt ein beispielsuchender symbolischer Bedeutungsaufwuchs in der Aufmerksamkeitsökonomie der deutschsprachigen Kulturwelt zuteil wurde. Galt die Moldaustadt um die Jahrhundertwende noch als literarische Provinz, wurde die Prager Herkunft spätestens in der expressionistischen Dekade zu einem anerkannten, einschlägigen Markenzeichen. Die Frage nach den Ursachen für diesen Aufstieg Prags, für die rasante symbolische Valorisierung der in ihr produzierten Literatur, wurde auf der zweiten Liblice-Konferenz im Jahr 1965 durch Eduard Goldstücker noch im Dienst der materialistischen Literaturauffassung erklärt. Er verwies dabei auf die gesellschaftlichen Veränderungen, die Indolenz und schließlich Implosion der Habsburgermonarchie im imperialistischen Zeitalter, mit welchen die Krisenhaftigkeit und die moderne Lebensproblematik der spätbürgerlichen Epoche antizipiert worden wären. Das hier vorgestellte Promotionsprojekt hingegen setzt bei den Produktionsbedingungen der pragerdeutschen Literatur an. Dabei wird geprüft, inwiefern die von Pierre Bourdieu entwickelte Theorie des literarischen Feldes erklärungskräftig auf den Objektbereich appliziert werden kann. Im Zentrum der Arbeit stehen die Literaturkritik in dem Prager Tagblatt und der Bohemia sowie die Autoren der Frühlingsgeneration wie die Kreise um Max Brod und Franz Werfel. Während die Analyse des literaturkritischen Diskurses die Grundlage für die Rekonstruktion des Prager Feldes bieten soll, stehen mit den literarischen Kreisen die Modi der Positionierung bzw. Positionierungsstrategien der Produzenten innerhalb des Feldes im Fokus. Das Wechselverhältnis dieser literarischen Institutionen soll systematisch analysiert werden, um die ein literarisches Feld kennzeichnenden Definitionskämpfe um die dominanten Positionen identifizieren und beschreiben zu können. Weiterhin soll die spezifische Funktion dieser literarischen Institutionen für das ,kleine‘ pragerdeutsche Literaturfeld ermittelt werden.

Vorausgesetzt wird, dass die Theorie Bourdieus, die am Beispiel des ,großen‘ französischen Feldes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde, einer objektbezogenen Modifizierung bzw. Weiterentwicklung bedarf. Die Promotionsarbeit steht daher im Dialog mit den vor allem in der Slawistik und Niederlandistik beheimateten Forschungsansätzen, in denen die Spezifika und die sozialen Grammatiken ,kleiner(er)‘ Literaturen feldtheoretisch analysiert werden.