Prof. Dr. Kurt Krolop


 


Kurt Krolop war ein bedeutendter Germanist und Literaturhistoriker. Er beschäftigte sich v.a. mit der österreichischen Literatur und mit der deutschsprachigen Literatur in den Böhmischen Ländern. Er lehrte an den Universitäten Prag, Halle, Krakau und Wien. Als Gast nahm er an der Kafka-Konferenz auf Schloss Liblice 1963 teil, die später in die Geschichtsbücher als ein Markstein vor dem „Prager Frühling“ einging; er hielt dann eines der Hauptreferate auf der Nachfolgekonferenz 1965.

Kurt Krolop © Věra Koubová

Kurt Krolop © Věra Koubová

1968 wurde er Leiter der Forschungsstelle zur Prager deutschen Literatur der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften, die 1969 im Rahmen der sogenannten Normalisierung aufgelöst wurde. Krolop wurde zur Rückkehr in die DDR gezwungen, wo er bis 1989 blieb. Die politische „Wende“ in der DDR und der Tschechoslowakei (Ernennung 1990 zum Professor) ermöglichte ihm schließlich eine Wiederaufnahme seiner Lehrtätigkeit an der Karls-Universität zu Prag, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 ausübte. Im April 2007 wurde ihm in der Deutschen Botschaft Prag das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen; 2008 ehrte ihn die Republik Österreich mit dem Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst.

Kurt Krolop wurde am 25. Mai 1930 im nordböhmischen Graber/Kravaře v Čechách geboren und besuchte von 1941 bis 1945 die Oberschule für Jungen in Leitmeritz/Litoměřice. Nach Kriegsende musste die Familie im Sommer 1946 in die damalige Sowjetische Besatzungszone übersiedeln, wo er 1950 die Abiturprüfung an der Willy-Lohmann-Oberschule in Köthen (Sachsen-Anhalt) ablegte. Anschließend studierte Kurt Krolop von 1950–1954 Germanistik, Anglistik und Slawistik an der Martin-Luther-Universität zu Halle an der Saale. Es folgte eine dreijährige Tätigkeit als Assistent am dortigen Germanistischen Seminar. Von 1957 bis 1962 war Kurt Krolop Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Karls-Universität in Prag, danach bis 1967 Oberassistent in Halle. 1968 wurde er – vor allem aufgrund seiner einschlägigen Arbeiten zu diesem Bereich in den von Eduard Goldstücker herausgegebenen Germanistica Pragensia – zum Leiter einer Forschungsstelle für Prager deutsche Literatur der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften berufen. 1969 folgte die Auflösung dieser Forschungsstelle, 1970 Rückkehr in die DDR; dort Arbeiten außerhalb der Universitäten, zunächst für den Verlag „Volk und Wissen“, von 1980–1983 im Institut für klassische deutsche Literatur an den Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar, ab 1984 am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR (insbesondere zur Geschichte der österreichischen Literatur des 19. Jahrhunderts, zu Johann Wolfgang Goethe und Karl Kraus). Die politische „Wende“ 1989 ermöglichte ihm eine Rückkehr zur Hochschultätigkeit als Professor am Institut für germanische Studien der Karls-Universität in Prag. 1998 bis 2000 war er Gastprofessor an der Universität Wien.

Jaromir Czmero und Kurt Krolop


Feierliche Eröffnung der Kurt-Krolop-Forschungsstelle am 29. Mai 2015 zum 85. Geburtstag von Kurt Krolop. Anlässlich dessen wurde Professor Krolop die Erstveröffentlichung seiner Dissertation über Ludwig Winder überreicht, die von den Olmützer Kollegen herausgegeben wurde. (Jaromír Czmero links, Kurt Krolop rechts) © Kurt Krolop Forschungsstelle

Kurt Krolop ist entscheidend die Wiederaufnahme der Prager Germanistik in die internationale germanistische Forschungsgemeinde zu verdanken. Seit 1990 erschienen zahlreiche Arbeiten zur Prager deutschen Literatur wie auch zu Karl Kraus. Seit 1990 war er korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Wilhelm Hartl-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1996), Mitgliedschaft u.a. in der Deutschen Schillergesellschaft, der Sudetendeutschen Akademie der Wissenschaften und Künste (Kulturpreis 1994), im Collegium Carolinum in München; zudem war er Präsident der Prager Kafka-Gesellschaft und seit 1999 Ehrenvorsitzender der Goethe-Gesellschaft in der Tschechischen Republik. In Tschechien wurde er 2005 mit der Verleihung der Gedenkmedaille der Karls-Universität geehrt. Seine Arbeiten liegen zum Teil auch in tschechischer Übersetzung vor.

Publikationen von Kurt Krolop (Auswahl):

Umschlag des Buches mit den Essays von Kurt Krolop und Jiří Stromšík (erschienen im VErlag Pavel Mervart)

Umschlag des Buches mit den Essays von Kurt Krolop und Jiří Stromšík (erschienen im VErlag Pavel Mervart) © Pavel MErvart

  • Bertolt Brecht und Karl Kraus. In: Philologica Pragensia IV, H. 2 (1961), 95-112; H. 4 (1961), 203-230.
  • Ein Manifest der ‚Prager Schule‘. In: Philologica Pragensia VII, č. 4 (1964), 329-336.
  • Hinweis auf eine verschollene Rundfrage: ‚Warum haben Sie Prag verlassen?‘. In: Germanistica Pragensia IV (1966), 47-64.
  • Solche Erfolche erreichen nur deutsche Molche‘. Karel Čapek, Karl Kraus und die ‚Molchhymne‘. In: Philologica Pragensia IX, H. 3 (1966), 253-255.
  • Zur Geschichte und Vorgeschichte der Prager deutschen Literatur des „expressionistischen Jahrzehnts. In: Eduard Goldstücker (Hg.): Weltfreunde – Konferenz über die Prager deutsche Literatur. Prag 1967, S. 47–96.
  • Dichtung und Satire bei Karl Kraus. In: Kommentare zu Karl Kraus (zusammen mit: Dietrich Simon: Karl Kraus – Stimme gegen die Zeit). Berlin 1971.
  • Späte Gedichte Goethes. In: Goethe-Jahrbuch 97 (1980), 38-63.
  • Lebens- und Welterfahrung in Goethes ‚West-östlichem Divan‘. In: Weimarer Beiträge XXVIII, H. 10 (1982), 106-124.
  • Das ‚Prager Erbe‘ und ‚das Osterreichische‘. In: Zeitschrift für Germanistik (Berlin) IV, H. 2 (1983), 166-178.
  • Ebenbild und Gegenbild. Goethe und ‚Goethes Volk‘ bei Karl Kraus.“ In: Impulse. Aufsätze, Quellen, Berichte zur deutschen Klassik und Romantik. Folge 6. Berlin / Weimar: Aufbau, 1983, 225-251.
  • Sprachsatire als Zeitsatire bei Karl Kraus. Neun Studien. Berlin 1987.
  • Kafkas vollkommener Narr und Goethes entsetzliches Wesen – Variationen zu zwei Tagebuchthemen. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1989.
  • Ästhetische Kritik als Kritik der Ästhetik. In: Karl Kraus – Ästhetik und Kritik. Beiträge des Kraus Symposiums Poznań. München 1989: Edition Text und Kritik, 29-53.
  • Karel Čapek: ‚Karl Kraus jako učitel‘. In: brücken. Germanistisches Jahrbuch DDR-ČSSR 1988/89. Prag 1989, 36-42.
  • Der Jawohlsager und der Neinsager: Komplementäre Weltkriegssatire bei Jaroslav Hašek und Karl Kraus. In: Österreich und der Große Krieg 1914-1918. Die andere Seite der Geschichte. Wien: Christian Brandstetter, 1989, 251-260.
  • Ein Prager Frondeur in Berlin: Max Steiner. In: Berlin und der Prager Kreis. Würzburg 1991: Königshausen & Neumann, 81-100.
  • Noch einmal und anders: Franz Werfel und Karl Kraus. Aspekte einer Dauer im Wandel. In: Stifter Jahrbuch. Neue Folge 5 (1991), 101-111.
  • ‚Heimat‘ in Gänsefüßchen oder Kafka und Prag. In: Kafka und Prag. Praha 1991: Nakladatelství Franze Kafky, 19-23.
  • Sprachsatire als Zeitsatire. Berlin 1992.
  • Sprachprobleme bei der Lektüre des „Prozesses“. In: Wissenschaftliche Zeitschrift. Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Jg. 41 (1992), Reihe Geisteswissenschaften, Heft 1, S. 49–57.
  • Jan Grossmans Deutung und Dramatisierung des Prozeß-Fragments. In: Winkler, Norbert / Kraus, Wolfgang (eds.): Franz Kafka in der kommunistischen Welt. Kafka-Symposium 1991, Klosterneuburg. Wien: Böhlau, 1993, 74-88.
  • Reflexionen der Fackel. Neue Studien über Karl Kraus. Wien 1994.
  • ‚Brücken‘ von Kafka zu Stifter. In: Krolop, K. / Zimmermann, H. D. (eds.): Kafka und Prag. Colloquium im Goethe-Institut Prag 24.-27. November 1992. Berlin / New York: Walter de Gruyter, 1994, 93-112.
  • ‚Wir aber wollen wieder teilnehmen an Prag‘. Franz Wefel und seine Vaterstadt. In: brücken. Germanistisches Jahrbuch Tschechien – Slowakei. Neue Folge 3. Berlin / Prag / Prešov: brücken-Verl., 1995, 5-24.
  • ‚Vlast‘ mezi patriotismem a nacionalismem. Proměny v sebereflexi regionální literatury / ‚Heimat‘ zwischen Patriotismus und Nationalismus. Wandlungen im Selbstverständnis regionaler Literatur.“ In: Znovuobjevená Šumava / Der wiederentdeckte Böhmerwald. Klatovy: Okresní muzeum Klatovy, 1996, 30-34, 35-40.
  • Pavel Trost über Karel Poláček und Karl Kraus. Versuch einer metakritischen Würdigung. In: Germanistica Pragensia XIII (1996), 9-14.
  • Karl Kraus a Češi / Karl Kraus und die Tschechen. In: Zdeněk Hojda / Roman Prahl (eds.): Český lev a rakouský orel v 19. století / Böhmischer Löwe und Österreichischer Adler im 19. Jahrhundert. Praha: Koniasch LatinPress, 1996, 310-327.
  • Charles Sealsfields Poetik des Romans. In: Zwischen Louisiana und Solothurn. Bern: Peter Lang, 1997, 73-92.
  • Der Korrektor ist der Dichter. Karl Kraus und die kaiserliche ‚Manifestzeile‘. In: Germanistica Pragensia XIV (1997), 35-50.
  • Die deutschen Gedichte des tschechischen Böhmen Jiří Gruša. In: Schenk, Klaus / Todorow, Almut / Tvrdík, Milan (eds.): Migrationsliteratur. Schreibweisen einer interkulturellen Moderne. Tübingen: Francke, 2004, 79-81.
  • Die Hörerin als Sprecherin: Sidonie Nádherný und „ihre Sprachlehre“. Warmbronn 2005.
  • Paul Eisner a německá literatura v Československu. In: Dudková, Veronika / Kaiserová, Kristina / Petrbok, Václav (eds.): Na rozhraní kultur. Případ Paul/Pavel Eisner. Ústí nad Labem: Univerzita Jana Evangelisty Purkyně, 2009, 15-23.
  • Die tschechisch-deutschen Auseinandersetzungen über den ‚Prager Roman‘ (1914-1918). In: Becher, Peter / Knechtel, Anna (eds.): Praha – Prag 1900-1945. Literaturstadt zweier Sprachen. Passau: Stutz, 2010, 175-182.
  • August Sauer und Josef Nadler. Zur tschechischen Rezeption ihrer literaturhistorischen Konzeption in der Zwischenkriegszeit. In: Höhne, Steffen (ed.): August Sauer (1855-1926). Ein Intellektueller in Prag zwischen Kultur- und Wissenschaftspolitik. Köln u. a.: Böhlau, 2011, 309-317.

Literatur über Kurt Krolop und andere Hinweise:

Festschrift für Kurt Krolop: Ehlers, Klaas-Hinrich / Höhne, Steffen / Maidl, Václav / Nekula, Marek (Hgg.): Brücken nach Prag. Deutschsprachige Literatur im kulturellen Kontext der Donaumonarchie und der Tschechoslowakei. Festschrift für Kurt Krolop zum 70. Geburtstag. Frankfurt a. M.: Peter Lang, 2000.

Erstveröffentlichung der Dissertation von Kurt Krolop: Kurt Krolop: Ludwig Winder. Sein Leben und sein erzählerisches Frühwerk. Ein Beitrag zur Geschichte der Prager deutschen Literatur. Hrsg. von Jörg Krappmann und Jaromír Czmero. Band 28, VUP, Olomouc 2015.

Handbuch

Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder © Spriger Verlag

Das Stifter Jahrbuch, N.F., 30/2016 brachte Beiträge und Erinnerungen an Kurt Krolop von Germanisten aus In- und Ausland, vgl. http://stifterverein.de/index.php?id=187

Mit dem Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Ländererschien 2017 ist eine wegweisende Publikation der mitteleuropäischen Germanistik, die dem Andenken Kurt Krolops gewidmet ist. Das Buch ist Teil der renommierten Handbuch-Reihe des Metzler-Verlags: Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder. Red. Peter Becher, Steffen Höhne, Jörg Krappmann a Manfred Weinberg. Stuttgart / Výmar: Verlag J.B. Metzler, 2017. (mehr vgl. unter…)

Weitere Hinweise (Rundfunksendungen, Artikel, Interviews):