Konstantin Kountouroyanis, M.A.

Konstantin Kountouroyanis, M.A.
E-Mail: 
konstant [at] stud.uni-hannover.de



Heimat und (nationale) Identität
im Werk Rudolf Fuchs´ (1890 - 1942)

Vorstellung des Dissertationsprojektes/Thema der Doktorarbeit

Die Perspektive auf die deutschsprachige Literatur in Prag wird immer noch einerseits durch Pavel Eisners (von Eduard Goldstücker auf der Liblicer Weltfreunde-Konferenz von 1965 bestätigten[i]) These eines "dreifachen Ghettos", in dem sich die Prager deutschen Autoren befunden hätten (als Deutsche unter Tschechen, als Juden unter Christen und als sozial Privilegierte unter sozial niedriger Gestellten) und andererseits durch Max Brods Definition des "Prager Kreises" dominiert. Dabei tauchen ferner seit Jahrzehnten immer wieder die gleichen Akteure im Fokus der literaturwissenschaftlichen Forschung zur Prager deutschen Literatur zwischen 1900 und 1938 auf.

Das von Lenka Reinerová (1916 - 2008) ins Leben gerufene Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren versucht bereits seit Jahren auf den Umstand hinzuweisen, dass neben Kafka, Werfel und Brod auch andere zahlreiche Zeitgenossen die Prager deutsche, aber auch die böhmisch-mährische Literaturszene prägten. Versucht man nun eine Literaturgeschichte der deutschsprachigen Literatur Prags, Böhmens und Mährens neu zu schreiben, so müssen einerseits vergessene[ii] bzw. von der Literaturwissenschaft bislang nicht ausreichend beachtete Autoren umfassend, sowohl biografisch als auch bibliografisch, erfasst und erforscht; und andererseits Identitätszuschreibungen (böhmisch, tschechisch, deutsch, jüdisch)[iii] vor dem sozio-kulturellen Hintergrund einer sich schnell und außerordentlich intensiv wandelnden historisch-politischen Kulisse neu hinterfragt werden. Dabei spielen auch verloren geglaubte historische Dokumente[iv], umfangreiche Archivarbeiten und Recherchen in europäischen Antiquariaten sowie Vor-Ort-Recherchen wie beispielsweise auf Standesämtern und in Kirchenbüchern bei der Suche nach vergessenen Autoren eine wichtige Rolle.

Innerhalb meines Dissertationsprojektes sollen bislang sowohl in Archiven lagernde unpublizierte, wie auch bereits publizierte, aber nahezu unbekannt gebliebene Texte des Prager Schriftstellers Rudolf Fuchs literaturwissenschaftlich untersucht und zusammen mit einer umfassenden Biografie einem wissenschaftlichen Publikum zugänglich gemacht werden. Neben weiteren Fragestellungen, deren Beantwortung es erlaubt, Rudolf Fuchs innerhalb der Prager deutschen Literatur neu zu verorten und in einen übergeordneten politisch-historischen Kontext einzubetten, wird der Frage nachgegangen, in welcher Art und Weise die Themen "Heimat und (nationale) Identität" vor der bereits erwähnten wechselnden Kulisse der politischen, sozialen und kulturellen Ereignisse der Jahre 1900 bis 1942 einerseits und Rudolf Fuchs´ eigenem biografischen Werdegang (Kindheit, Berliner, Wiener und Prager Zeit, Flucht, Exil) andererseits in Fuchs´ eigenem literarischen Schaffen verarbeitet wurden.

Interessanter Link: http://www.ipsl.cz/d-archiv

Endnoten:


[i] Vgl. Weltfreunde - Konferenz über die Prager deutsche Literatur, Prag 1967, S. 21 ff.

[ii] Vgl. Hartmut Binder (Hrsg.): Prager Profile - Vergessene Autoren im Schatten Kafkas, Berlin 1991

[iii] Vgl. Manfred Weinberg: „Arbeitsprogramm der Kurt Krolop-Forschungsstelle zur deutsch-böhmischen Literatur an der Karls-Universität Prag“, in: bruecken - Germanistisches Jahrbuch - Tschechien-Slowakei 2012, S. 174

[iv] Ein Beispiel für solches Forscherglück zeigt der Bericht von Radio Praha: "Überraschender Fund bei Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser" am 17.09.2002 zu František Gottlieb (1903 - 1974)

Publikationslisten (Auszug):

Wissenschaftliche Publikationsliste/Mitarbeiten: 

  • Konstantin Kountouroyanis/Gerhard Lauer: "Rudolf Fuchs über Franz Kafka - Eine unbekannte Werkbeschreibung aus dem Londoner Exil 1942". In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft, Internationales Organ für Neuere deutsche Literatur, Band 62, 2018, Seite 61 - 74, November 2018
  • Konstantin Kountouroyanis: Verfolgte damals, Verfolgte heute - Internationale Konferenz über die Bedeutung der Exilschriftsteller des 20. Jahrhunderts für das 21. Jahrhundert, in: EXIL - Forschung - Erkenntnisse - Ergebnisse, Frankfurt/Main, Nr.1, 2018
  • Johann Georg Lughofer (Hg.), Milan Tvrdík (Hg.) unter Mitarbeit v. Konstantin Kountouroyanis, "Suttner im KonText - Interdisziplinäre Beiträge zu Werk und Leben der Friedensnobelpreisträgerin", Heidelberg 2017
  • Konstantin Kountouroyanis:  Die Geschichte der vergessenen Prager deutschen Schriftsteller in japanischer Übersetzung. In Japan wächst das Interesse an der deutschsprachigen Exilliteratur, in: DaF-Szene Korea, Nr.45, Berlin/Seoul Dezember 2017, S. 85 - 90

Populärwissenschaftliche Veröffentlichungen:

  • KK: Die letzte Prager deutsche Schriftstellerin - Ein Vortrag zum medialen Bild der Lenka Reinerová im Prager Literaturhaus, prag aktuell, Online, 01.05.2017
  • KK: Karl Brand und die „Rückverwandlung des Gregor Samsa“ - Vor 100 Jahren starb der Autor, der Kafkas Käfer-Gestalt wieder auferstehen ließ, in prag aktuell, Online: 17.03.2017
  • KK: "Das Schöne an der tschechischen Literatur zeigen" - Im Oktober 1916 erschienen erstmals die "Schlesischen Lieder von Petr Bezruč auf Deutsch. Für den Übersetzer Rudolf Fuchs war es der Beginn einer lebenslangen tschechisch-deutschen Vermittlungstätigkeit, in: Prager Zeitung, 27. Oktober 2016, Nr. 43, S. 5
  • KK: Der Wallenstein-Stoff im Wandel der Zeit - Eine neue Studie beleuchtet, wie die historische Figur in den Werken von Alfred Döblin und Jaroslav Durych rezipiert wurde, in: Prager Zeitung, 16. Juni 2016, Nr. 24, S. 5
  • KK: Ein wissender Soldat beim Prager Tagblatt - Rudolf Fuchs gehörte zu den unbekannteren Vertretern der Prager deutschen Literaturszene - zu Unrecht, wie schon Johannes Urzidil urteile. Nun rückt sein Werk langsam wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, in: Prager Zeitung, 12. November 2015, Nr. 46, S. 5
  • KK: Vom Mensch zum Käfer und zurück - Der 1917 verstorbene Prager Schriftsteller Karl Brand verfasste kurz vor seinem Tod "Die Rückverwandlung des Gregor Samsa". Sie schließt an Kafkas berühmte Erzählung an und gibt Hinweise auf eine neue Interpretation, in: Prager Zeitung, 16. Juli 2015, Nr. 29 - 30, S. 18
     

ACADEMIC FOCUS

Home and (national) identity in the works of Rudolf Fuchs (1890 - 1942)

Introduction of my PhD project / topic of the thesis
by Konstantin Kountouroyanis, M.A.


The view on the German-speaking literature in Prague is still dominated by Pavel Eisner’s thesis of the “triple ghetto”, where the Prague German authors would have been (Germans among Czechs, Jews among Christians and social privileged class among a social lower class). This thesis also has been confirmed by the literary scholar Eduard Goldstücker (at the conference 1965 at castle Liblice, “Weltfreunde-Konferenz”1).  Today, in both the German and in English literary world, it is common to talk about "The Prague Circle". This term was introduced by Max Brod, when he published his book (“Der Prager Kreis”, 1966). This term has been adapted by all Western literary scholars without any critical assessment. This was actually a kind of self-marketing, because Brod put himself in the middle of The Prague Circle, with Kafka next to him and then about 20 other writers. Indeed, Steffen Höhne (author), Anna-Dorothea Ludewig (author), and Julius H. Schoeps (editor) released in 2016 the book “Max Brod - The invention of the Prague Circle” (“Max Brod – Die Erfindung des Prager Kreises, 2016)”. Finally, the “Prague literary house of German spoken writers” (Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren), founded among the others by Lenka Reinerová (1916 - 2008) has been arguing for years that only authors such as Kafka, Werfel, Rilke and Brod shaped the Prague German, and also the Bohemian-Moravian, literary scene.

However, there were more then only 20 writers. I found about 120 forgotten writers in Prague. The focus of my dissertation will then be to make a contribution to the redefinition of the “The Prague Circle”, by mainly focusing on Rudolf Fuchs’ life and works. Part of my doctoral project is to examine archival holdings of Rudolf Fuchs; and to examine literary studies for his published texts (but still almost unknown) and unpublished texts. Finally, I will offer a new biography of Rudolf Fuchs for the public. It is necessary to classify Rudolf Fuchs in his time and the context of literary studies. I will focus on two broad concerns: What did the terms “home” and “(national) identity” mean to him (considering his own biographical background: childhood, Berlin, Vienna, Prague and exile). Secondly, how did he perceive his own literary work?

By trying to write a new literary history of German literature in Prague, and Bohemia and Moravia, I need to complete the biography and bibliography of hitherto sufficient unnoticed writers. Furthermore, I will question old identity ascriptions (e. g. Bohemian, Czech, German, Jewish)3 against the dramatically shifting socio-cultural and historical political backdrop. In this context, long lost historical documents play a role; so I intend to conduct extensive archival work of the Czech Republic at registry offices and church records. I will also peruse European antique book shops.