Figurationen der Moderne. Der deutsch- und tschechischsprachige literarische Diskurs im Prag des beginnenden 20. Jahrhunderts

Workshop in deutscher und tschechischer Sprache im Rahmen des Forschungsverbundes Prag als Knotenpunkt europäischer Modernen, Karls-Universität Prag, 17.–18. Februar 2011

Organisation:
Prof. Dr. Manfred Weinberg, Dr. Štěpán Zbytovský (Prag), Dr. Irina Wutsdorff (Tübingen)
Finanziert von der Universität Konstanz im Rahmen einer Netzwerkplattform.

Obwohl es nahe liegend ist, die zur selben Zeit (etwa 1890er bis 1930er Jahre) am selben Ort entstandene tschechisch- und deutschsprachige Literatur vergleichend in den Blick zu nehmen, ist dies bislang eher selten geschehen. Dabei scheint gerade die Konstellation Prags, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts die sog. Prager deutsche Literatur und die tschechische koexistieren, für eine Betrachtung unter dem Blickwinkel neuerer Paradigmen wie Transkulturalität bzw. Transfer und Verflechtung prädestiniert. Dennoch kann erst die reflektierte Anwendung dieser Theorieansätze erweisen, inwieweit sie dem komplexen (kultur- und literar-)historischen Gegenstand angemessen sind, der in mindestens genauso großem Maße von Bewegungen der Abgrenzung wie von solchen des Austauschs geprägt war. Zu fragen ist z.B., ob und inwiefern eine transkulturelle Perspektive in die traditionell nationalphilologisch ausgerichtete Literaturgeschichtsschreibung zu integrieren ist bzw. in welchem Maße in produktionsästhetischer Hinsicht die Orientierung an der jeweiligen deutsch- bzw. tschechischsprachigen Tradition die Prägung durch einen „genius loci“ doch überwog.

Grundidee des komparatistischen Workshops ist es, das für einen Vergleich notwendige tertium comparationis in dem zu suchen, was sich im Sinne Viettas problemgeschichtlich als „Situation der Moderne“ umreißen ließe. Diese absichtlich vage Formulierung zielt einerseits auf jene zivilisatorischen Modernisierungsprozesse, die im betreffenden Zeitraum die Grundbedingungen von Wahrnehmung, von Handlungsoptionen und von Subjektkonstitution bildeten, andererseits auf jene Phänomene, die mit den Stichworten Krise der Identität, des Bewusstseins, der Sprache, der Erkenntnisfähigkeit sowie der Metaphysik und der Religion aufgerufen werden. Äußerungen des literarischen Diskurses im weitesten Sinne, also literarische, literatur- und kulturkritische Texte der Zeit, werden sich – so die Annahme – auf explizite oder implizite Weise im Bezug auf diese Themenfelder zur ,Moderne‘ äußern, sich zu ihr positionieren, den Begriff positiv oder negativ füllen oder ihn in seiner Ambivalenz ausstellen. In den jeweils zu extrapolierenden Konzeptionen von Moderne also ließe sich nach Unterschieden und Gemeinsamkeiten suchen, wobei die Grenzlinie dann nicht mehr entlang der sprachlichen Zugehörigkeit verlaufen wird, sondern z.B. zwischen affirmativen und skeptischen Einstellungen zur Moderne differenzieren wird, während sich Verbindendes möglicherweise in der Virulenz bestimmter Themenbereiche wie z.B. der Identitätsproblematik finden lassen wird. Der Workshop umfasst literatur-, kultur- und diskurshistorisch bzw. -wissenschaftlich sowie poetologisch orientierte Beiträge, die den konkreten Vergleich an ihrem Material mit methodologischen Reflexionen über mögliche komparatistische Herangehensweisen kombinieren.