Tagung "Franz Kafka im interkulturellen Kontext" (Prag, 1.- 3. 12. 2016)

KafKonf

Besprechung der Lesung bei der Kafka-Tagung auf Prag Aktuell

Interview mit dem Veranstalter Manfred Weinberg im Tschechischen Rundfunk - Teil 1 | Teil 2


VeranstalterFachkommission Literatur- und Sprachwissenschaft des Herder Forschungsrats, Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena an der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar, Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren und Kurt Krolop Forschungsstelle für deutsch-böhmische Literatur an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag.

Die internationale und interdisziplinäre Tagung widmet sich der Frage nach der Bedeutung des interkulturellen Umfelds Kafkas für sein Leben und Schreiben. Dabei geht es zum einen um die spezifische Interkulturalität Prags und der Böhmischen Länder zu Lebzeiten Kafkas. Diese wird gemeinhin auf die Formel eines Zusammenlebens von Tschechen, Deutschen und Juden gebracht, die die Bevölkerungsgruppen aber nach den Erkenntnissen neuerer historischer Studien viel zu deutlich gegeneinander abgrenzt. Von daher ist eine Neuperspektivierung der realen historischen Verhältnisse notwendig. Weiterhin ist nach der Relevanz dieser spezifischen Interkulturalität für Franz Kafka in biographischer Perspektive zu fragen, wobei hier vor allem die wiederum überzogene These vom „dreifachen Ghetto“, in dem die Autoren der Prager deutschen Literatur gelebt haben sollen (als Deutsche unter Tschechen, als Juden unter Christen sowie als sozial Höhergestellte unter sozial niedriger Gestellten), zu diskutieren sowie die vielfältigen Identitätsentwürfe der Juden in Prag weit mehr als bisher zu fokussieren sein werden. Zuletzt ist den bisher weitgehend übersehenen mannigfachen Spuren solcher Interkulturalität in den Texten Kafkas nachzugehen.

Das Thema der Tagung besitzt vor dem Hintergrund der aktuellen Situation der Kafka-Forschung eine besondere Relevanz. Trotz vieler anderweitiger Absichtserklärungen – schon der Kafka-Konferenz in Liblice 1963, die einen Franz Kafka aus Prager Sicht versprach, aber auch noch des Bandes Kafka interkulturell in der Reihe der Deutschen Kafka-Gesellschaft von 2013 – ist die Bedeutung der spezifischen Interkulturalität Prags für das Werk Kafkas bisher kaum grundsätzlich thematisiert worden. Dieses Versäumnis hat vor allem damit zu tun, dass Kafkas Texte nicht sozusagen „vor Ort“, sondern weltweit und somit von Wissenschaftlern interpretiert wurden, die die Besonderheiten der Interkulturalität Prags und der Böhmischen Länder nicht hinreichend gründlich kannten und kennen. Das eklatanteste Beispiel dafür ist wohl die Kafka-Studie von Gilles Deleuze und Félix Guattari, in der es schon auf der simpelsten Ebene der Fakten von sachlichen Fehlern und falschen Zuschreibungen nur so wimmelt. Allerdings wurde in den letzten Jahren in der Kooperation der Kurt Krolop Forschungsstelle für deutsch-böhmische Literatur an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag mit deutschen und tschechischen Kafka-Forschern auch eine andere Perspektive etabliert, die Franz Kafka, überspitzt formuliert, als Autor einer Regionalliteratur versteht, wobei dem dabei vorausgesetzten Verständnis von „Region“ selbstverständlich nicht die übliche Zuschreibung von Provinzialität eignet, sondern vielmehr eben eine Fokussierung auf die tatsächlichen (inter-)kulturellen Zusammenhänge in Prag und den Böhmischen Ländern zu Kafkas Lebzeiten intendiert ist. Diese Perspektive wird im Übrigen auch das von Peter Becher, Jörg Krappmann, Steffen Höhne und Manfred Weinberg im Sommer 2017 im Metzler-Verlag herauszugebende Handbuch zur deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder bestimmen. In dieser Situation liegt ein unabweisbares Desiderat darin, wichtige Kafka-Forscher vor allem der Inlands-, aber auch der weltweiten Germanistik, die Kafkas Texte immer noch ganz jenseits ihres Entstehungskontextes interpretieren, und die Vertreter des benannten Neuansatzes zusammenzubringen.

Programm 

Donnerstag, 1. Dezember 2016 (Deutsche Botschaft Prag, Vlašská 347/19, 118 00 Praha 1)

15.00 – 15.30 Uhr      Grußwort des deutschen Botschafters Dr. Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven Steffen Höhne/Manfred Weinberg: Begrüßung und Einführung in das Thema der Tagung

15.30 – 16.00 Uhr      Moritz Csáky (Wien): Die zentraleuropäische Stadt um 1900 zwischen Plurikulturalität        und Pluriethnizität

16.00 – 16. 30 Uhr     Ines Koeltzsch (Berlin): Vom Land in die Städte. Jüdische Zuwanderung nach Prag und Wien und die Herausbildung „geteilter Kulturen“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

16.30 – 17.00 Uhr      Kaffeepause

17.00 – 17.30 Uhr      Kateřina Čapková (Prag): Paradigmen in der Auslegung der Geschichte der Juden in den Böhmischen Ländern und die Kafka-Forschung

17.30 – 18.00 Uhr      Mark H. Gelber (Beer Sheva): Amerikanismus, Jiddisch, Judentum und Interkulturalität: Nathan Birnbaum und Franz Kafka

Freitag, 2. Dezember 2016 (Goethe Institut Tschechien, Prag)  

9.00 – 9.30 Uhr          Scott Spector (Michigan): „Unbestimmter Wohnsitz“: „Heimat“ und „Erbe“ bei Kafka und Brod

9.30 -10.00 Uhr          Hans Dieter Zimmermann (Berlin): Sprossende Saat. Eine Anthologie deutschböhmischer Dichter von 1911: Ein kultureller Kontext für Brod und Kafka?

10.00 – 10.30 Uhr      Jörg Krappmann (Olomouc): „Wahrheit und Erfindung“ – Das Bild Prags in der Kafka-Forschung

10.30 – 11.00 Uhr      Kaffeepause

11.00 – 11.30 Uhr      Karl Grözinger (Berlin): Das Denken und Schreiben Kafkas zwischen den Kulturen

11.30 – 12.00 Uhr      Manfred Engel (Saarbrücken): Kafka als Autor der Weltliteratur. Ein Werkstattbericht

12.00 – 12.30 Uhr      Dieter Lamping (Mainz): Prager Dichter oder universaler Autor? Franz Kafka in der Sicht anderer Schriftsteller von Max Brod bis Louis Begley

12.30 – 14.30 Uhr      Mittagspause

14.30 – 15.00 Uhr      Steffen Höhne (Weimar-Jena): Das „babylonische“ Habsburg. Fremdheitskonzepte bei Kafka

15.00 – 15.30 Uhr      Oliver Jahraus (München): Kafka, Habsburg und sein Mythos

15.30 – 16.00 Uhr      Irina Wutsdorff (Tübingen): Beschreibung eines Kampfes? Zu Spuren des Interkulturellen in Kafkas (sprach-)reflexivem Schreiben

16.00 – 16.30 Uhr      Kaffeepause

16.30 – 17.00 Uhr      Marek Nekula (Regensburg): Hybridität von Kafkas Odradek

17.00 – 17.30 Uhr      Hans-Gerd Koch (Berlin/Köln): Die Macht der Bilder. Interferenzen zwischen Kunst und Literatur am Beispiel Kafkas

17.30 – 18.00 Uhr      Štěpán Zbytovský (Prag): Der wiederholte Witz: Kafkas Humor revisited

ab 20.00 Uhr             „Einmal brach ich mir das Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens. Franz Kafka. Musikalisch-Literarische Soirée. Flügel-Klänge und Lesung. Mit Ingo Ahmels und Gotthard Kuppel

Samstag, 3. Dezember 2016 (Goethe Institut Tschechien, Prag)

9.00 – 9.30 Uhr          Clemens Dirmhirn (Berlin): Spuren interkultureller Begegnungen in Kafkas vergleichender Völkergeschichte: Zeitgenössischer China-Diskurs im Spiegel der Zeitschrift „Die Aktion“

9.30 -10.00 Uhr          Achim Küpper (Berlin): Der Zirkus als (inter-)kulturelles und poetologisches Modell bei Kafka

10.00 – 10.30 Uhr      Veronika Jičíinská (Ústí nad Labem): „Mein Nichttanzenkönnen wird ja verschiedene Gründe haben“: Franz Kafka und die Prager Tanzszene

10.30 – 11.00 Uhr      Dieter Heimböckel (Luxemburg): Franz Kafka in interkultureller Perspektive: „Der Verschollene“

11.00 – 11.30 Uhr      Kaffeepause

11.30 – 12.00 Uhr      Bettine Menke (Erfurt): Kafkas Verstreuungen (Prag – Babel)

12.00 – 12.30 Uhr      Manfred Weinberg (Prag): Zu Kafkas Erzählung „Schakale und Araber“

12.30 – 13.00 Uhr      Alice Stašková (Jena): Der Ausflug ins Gebirge zwischen Philologie und Mythologie

13.00 – 13.30 Uhr      Sven Lüder (Jena): Büchner – Kafka – Celan: Gespräche im Gebirge. Das Konzept der „Begegnung“ im Rahmen einer interkulturellen Poetik.

13.30 Uhr                   Ende der Tagung