Eröffnung der Kurt Krolop Forschungsstelle

Am 29. Mai 2015 wurde in der Deutschen Botschaft Prag die neue Forschungsstelle zur deutsch-böhmischen Literatur des Instituts für germanische Studien an der Karls-Universität Prag, die Prof. Krolop zu Ehren Kurt Krolop Forschungsstelle benannt ist, feierlich eröffnet.

Leiter der Forschungsstelle: Prof. Dr. Manfred Weinberg; beteiligte WissenschaftlerInnen: Julia Hadwiger, M.A., PhDr. Václav Petrbok, Ph.D., Prof. PhDr. Milan Tvrdík, CSc. und Štěpán Zbytovský, Ph.D. Das Ziel der Kurt Krolop Forschungsstelle ist es, das lange Zeit vernachlässigte und bislang oft unter falschen Voraussetzungen erforschte Feld der Prager deutschen Literatur bzw. der deutsch-böhmischen Literatur neu aufzuarbeiten.

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Beabsichtigt ist zuletzt eine Erschließung der gesamten Geschichte der deutschsprachigen Literatur in den böhmischen Ländern, wobei die deutsch-böhmische Literatur als ein integraler Bestandteil der Kulturgeschichte Böhmens verstanden wird. Zu akzentuieren sind somit in besonderer Weise der sozialgeschichtliche Kontext der Literatur, die Beziehungen zwischen der deutschsprachigen und der tschechischen Literatur und Kultur in Böhmen und nicht zuletzt politisch-historische Zusammenhänge.

Ausdrücklich verabschieden sich die beteiligten ForscherInnen von den bisher gängigen Zuschreibungen, wie der, dass die Autoren der Prager deutschen Literatur in einem „dreifachen Ghetto“ (Pavel/Paul Eisner) – als Deutsche unter Tschechen, als Juden unter Christen und als sozial Höhergestellten unter sozial niedriger Gestellten – gelebt hätten oder der hierarchisierenden Unterscheidung der durchgängig humanistisch gesinnten Prager deutschen und der strikt nationalistischen, gar präfaschistischen sudentendeutschen Autoren. Diese, wie inzwischen von der Geschichtsschreibung hinreichend nachgewiesen, deutlich zu strikten Abgrenzungen gehörten zum Grundbestand der beiden Konferenzen von Liblice 1963 (zu Franz Kafka) und 1965 (zur Prager deutschen Literatur) und waren zuletzt den ideologischen Voraus-Setzungen dieser Tagungen geschuldet, d.h. der Frage, in welcher Weise unter den Bedingungen des Marxismus von Kafka und den bürgerlich-dekadenten Autoren der Prager deutschen Literatur, die so gar kein „Klassenbewusstsein“ zeigten, überhaupt zu sprechen sein könne. Dabei sind die Antworten aus marxistischer Perspektive nachvollziehbar; erstaunlicherweise wurden sie aber von der sogenannten Inlandsgermanistik ohne Bedenken und Modifikationen übernommen und so zum gängigen Grundverständnis der Prager deutschen und deutschsprachigen Literatur in den böhmischen Ländern. Nicht einmal nach dem Fall des Eisernen Vorhangs (und damit dem Wegfall der ideologischen Beschränkungen) wurde dieses Verständnis einer Überprüfung unterzogen, wie sie jetzt zur Agenda der Kurt Krolop Forschungsstelle gehört.

Die Neukonstituierung der Forschung erfolgt dabei unter den theoretischen und methodologischen Voraussetzungen einer kulturwissenschaftlich geöffneten Literaturwissenschaft, aber auch unter Heranziehung bisher noch völlig unaufbereiteter Materialien.

Die Kurt Krolop Forschungsstelle versteht sich zudem als Anlaufstätte für alle ForscherInnen weltweit, deren Erkenntnisinteressen sich mit den beschriebenen Zielen decken oder an diese anschließbar sind.

Die Benennung der Forschungsstelle nach Kurt Krolop ist dem Lebenswerk dieses Forschers geschuldet, der in der Auseinandersetzung mit der Prager deutschen Literatur und deutschsprachigen Literatur in den böhmischen Ländern immer dem Detail gegenüber allzu großflächigen Vereinheitlichungen den Vorzug gegeben hat. Konkreter gesprochen: Während sich Eduard Goldstücker auf der Liblicer „Weltfreunde“-Konferenz als Generalist dem Thema „Die Prager deutsche Literatur als historisches Phänomen“ näherte und so das oben skizzierte Grundverständnis etablierte, ging Kurt Krolop in seinen Ausführungen „Zur Geschichte und Vorgeschichte der Prager deutschen Literatur des ‚expressionistischen Jahrzehnts’“ ins Detail, wie die 236 Fußnoten seines Aufsatzes zeigen, wobei aus jeder seiner Fußnoten eigenständige Forschungsbeiträge abzuleiten sind, von denen bisher tatsächlich nur erst ein Bruchteil in Angriff genommen wurde. Dieser Detailtreue fühlt sich auch die Forschungsstelle verpflichtet, was auch in ihrem an den Verweis auf eine Fußnote angelehnten Logo zu erkennen ist, wobei die jeweils ersten Buchstaben des tschechischen (Centrum Kurta Krolopa pro německou literaturu v Čechách) und deutschen Namens (Forschungsstelle für deutsch-böhmische Literatur) sich glücklich zu einem „cf“ (lateinisch: confer, deutsch: vergleiche) zusammenfügen.