Zentrum und Peripherie. Transkulturelle Hierarchien (am Beispiel Prags)

Workshop im Rahmen des Forschungsverbundes Prag als Knotenpunkt europäischer Moderne(n)
Karls-Universität Prag, 31. März und 1. April 2011

Organisation:
Prof. Dr. Manfred Weinberg, Dr. Štěpán Zbytovský (Prag), Dr. Irina Wutsdorff (Tübingen), Kathrin Janka, M.A. (Konstanz/Berlin), Georg Escher, M.A. (Zürich)

Der Untersuchung der Prager deutschen Literatur ist die Frage nach dem Verhältnis von Zentrum und Peripherie spätestens seit der entscheidenden zweiten Konferenz in Liblice (1965) zum Thema eingeschrieben. Die dort vorgenommene zeitliche (1890–1938/39) wie räumliche Abgrenzung der „Prager deutschen Literatur“ verfolgte das Ziel, diese als (haupt-)städtisch, modern und von Weltbedeutung gegen die provinzielle Literatur des frühen 19. Jahrhunderts und die so als ländlich-national-völkisch abgetane Literatur der deutschsprachigen Gebiete Böhmens und Mährens zu profilieren. Eine solche Hierarchisierung findet sich aber durchaus auch an vielen anderen Stellen der Rede über Prag – so etwa im zweiten Aspekt des von Pavel Eisner behaupteten „dreifachen Ghettos“ der Autoren der Prager deutschen Literatur (neben ihrer sprachlichen und religiösen

Abgrenzung qua Judentum), nämlich deren soziale Höherstellung im Verhältnis zur tschechischsprachigen Bevölkerung Prags. Selbst Gilles Deleuze und Félix Guattari, denen man ansonsten kaum eine Unterkomplexität ihrer Theoriebildungen vorrechnen wird, setzen in der Auseinandersetzung mit Kafkas Rede von den „kleinen Literaturen“ die klare Abgrenzbarkeit der (deutschen) Minderheit von einer (tschechischen) Mehrheit und mithin eine (hierarchisierende) Grenze auf der Grundlage der Gleichsetzung von „ethnischer“ und sprachlicher Identität voraus. Zu fragen ist also: Wie formuliert sich vor diesem Hintergrund eine persönliche und kollektive, nationale und individuelle, deutsche, tschechische oder jüdische Prager Identität? Welche Rolle spielen bei dieser (Neu-)Definition Kategorien wie ‚eigen‘ und ‚fremd‘ bzw. ‚zentral‘ und ‚peripher‘, und (in welcher Form) lassen sie sich in den damaligen Texten und Diskursen nachweisen? Auf andere Weise lässt sich die Frage nach Zentrum und Peripherie mit Jurij Lotmans Modell der Semiosphäre (bezogen auf die symbolischen wie materiellen Austausch- und Umkodierungsprozesse des „Prag-Diskurses“) stellen: Inwieweit ist das für sein Modell wesentliche Verständnis von Zentrum und Peripherie applizierbar, in der das Zentrum (Prag) zu (je nach Standpunkt) unterschiedlichen anderen und in dieser Perspektive peripheren kulturellen Metropolen (Wien, Berlin, Paris) in Beziehung gesetzt wird?