Tobias Pollok, M.A.

Tobias Pollok, M.A.

Kulturelle Identität als Positionierungsstrategie im literarischen Feld – Prager deutsche Literatur als Inszenierungsprofil von Autorschaft im zeitgenössischen Literaturbetrieb

Der plurikulturelle Raum (Ost-)Mitteleuropas samt seiner mehrsprachigen Akteure wurde im beginnenden 20. Jahrhundert als eine in seinen Entitäten untereinander isolierte Gesellschaft beschrieben. Der von Pavel Eisner eingeführte Terminus des ‚dreifachen Ghettos‘ wird seitdem in akademischen wie in populärwissenschaftlichen Arbeiten als Ausgangspunkt und interpretative Basis verwendet, um den Kulturraum Böhmen und Prag darzustellen. Dieses vereinfachte und zum Teil falsche Verständnis soll in diesem Projekt korrigiert und für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden. Anhand einer Auswahl zeitgenössischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller (Lenka Reinerová, Libuše Moniková, Jan Faktor und Jaroslav Rudiš) wird gezeigt, inwieweit sich die Tradition der Prager deutschen Literatur, verstanden als ein Netzwerk von Literaten, Übersetzern, Kulturschaffenden und -mittlern im Sinne eines ‚anderen‘ Europas auch in der Gegenwart manifestiert. Weit über die eigenen literarischen Werke hinaus inszenieren sich die genannten AutorInnen als ‚Speicher‘ und Transformatoren einer europäischen Idee sowie eines plurikulturellen Erbes, einer Prager deutschen Literatur, die sie auf unterschiedlichste Art und Weise zwischen Vergangenheit und Gegenwart oszillieren lassen.

Basierend auf dem feldtheoretischem Rahmen Pierre Bourdieus und unter Zuhilfenahme des Konzepts der Posture, wie es von Alain Viala bei Bordieu herausgearbeitet wurden (Viala, Alain: Elements de sociopoetique. In: Viala, Alain / Georges Molinie: Approches de la reception. Paris 1993.) und im Weiteren von u.a. Jerome Meizoz für die Literaturwissenschaft fruchtbar gemacht worden ist (Meizoz, Jerome: Die posture und das literarische Feld. Rousseau, Celine, Ajar, Houellebecq. In: Joch, Markus / Norbert Christian Wolf (Hrsg.) Text und Feld. Bourdieu in der literaturwissenschaftlichen Praxis. 2009.), können die zwei Dimensionen - Autor und Text - zusammengebracht und mit Hinblick auf ihre Positionierung im Feld, als voneinander untrennbar betrachtet werden: die Einzigartigkeit eines jeden Autors und die spezifische Form seiner Texte. Methodisch anschlussfähig sind diese theoretischen Konzeptionen an Methoden der Auto(r)inszenierung, welche die Subjektform des Autors samt seiner Inszenierung im, und außerhalb des Textes suchen, wie dies u.a. bei Jürgensen/Kaiser (Jürgensen, Christoph / Gerhard Kaiser (Hrsg.) Schriftellerische Inszenierungspraktiken - Typologie und Geschichte. 2011) zu finden ist. Mit dieser Herangehensweise soll sichtbar gemacht werden, wie sich der genannte Autorenkorpus in einen Europa-Diskurs einschreibt. In Selbst- und Fremddarstellungen transferieren die vier Literaten das transkulturelle Erbe der Prager deutschen Literatur in das Europabild des 21. Jahrhunderts und machen zugleich durch ihre verschiedenartigen Herangehensweisen die Vielfalt sowie die Aktualität ihrer Werke sichtbar: Ein Verständnis Europas zwischen regionaler, nationaler und transnationaler Perspektivierung, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und einer noch ungeschriebenen Zukunft.